Geschichte

Kriegsende wasserturmKriegsende vor 75 Jahren in Buch
Von einer Rettungsaktion, vielen Selbstmorden und der Angst vor Vergeltung
Der Sommer 2018 war ungewöhnlich warm. Wer etwas zu erledigen hatte, versuchte die kühlen Morgenstunden für sein Vorhaben zu nutzen. So auch Gerlinde Schramm, deren Vorfahren sich vor über hundert Jahren in der grünen, freundlichen Gegend zwischen Buch und Röntgental niederließen und deren Nachkommen sich noch immer dort heimisch fühlen. Unvergessen bleibt eine unerwartete Begegnung mit Gerlinde Schramm in jenem Sommer. Auf ihrem gelegentlichen Gang in die Bucher City legte sie an diesem Tag als erstes einen Stopp an meiner Wohnungstür ein. Völlig überrascht hielt ich wenige Minuten später eine Mappe mit Unterlagen aus den Jahren 1932 bis 1947 aus dem Nachlass Rudolf Siegerts in den Händen, ein Fund, der aus den Werkstatträumen des verstorbenen Bucher Kunstschlossers stammt.

Er enthält u. a. Bürgschaftserklärungen von Menschen, die Rudolf Siegert eine antinazistische und humanistische Haltung bescheinigen und Zeugnisse der ersten Nachkriegswochen.
Die Geschichte der Eheleute Siegert wird zahlreichen Lesern bekannt sein (siehe BB 5/2010, 1/2018). Zu einer Zeit als das Leben von Menschen jüdischer Abstammung sowie von politischen Widerständlern durch das NS-Regime tödlich bedroht war, organisierten Siegerts trotz erheblicher Eigengefährdung für ihren Nachbarn, den Arzt jüdischer Herkunft Dr. Walter Schönebeck, auf ihrem Grundstück ein gut getarntes Versteck in einer trockengelegten Jauchegrube. Die Wahl war genau überlegt, denn Jauchegeruch verhindert den erfolgreichen Einsatz von Polizeihunden.
Die Rettungsaktion Dr. Schönebecks wurde außer von Siegerts von fünf der evangelischen Kirche angehörigen Helferinnen und Helfern, einem Kind und zwei französischen Kriegsgefangenen unterstützt. Der nach einer OP schwer angeschlagene Dr. Schönebeck überlebte die letzten anderthalb Kriegsjahre zwischen Herbst 1943 und dem 21. 4. 1945 gut betreut in seinem Versteck. Von den etwa 6000 in Berlin versteckten Juden erlebte ungefähr nur jeder Vierte das Kriegsende. 
Letzte Kriegswochen in Buch
Schon seit Februar waren »Stalin-Orgeln«  von der Oder her zu hören. Mit Kanonendonner wachte man auf oder ging zu Bett. Ab Februar 1945 wurden von den Alliierten schwerste Bombenangriffe auf Berlin geflogen.  Von den 1.562.641 Berliner Wohnungen waren am Kriegsende mehr als 500.000 total zerstört, ca. 680.000 hatten Schäden verschiedener Schweregrade, nur etwa 370.000 Wohnungen blieben unversehrt. 28,5 Quadratkilometer der Innenstadtfläche waren ein Trümmerhaufen – und fast die Hälfte aller Arbeitsplätze zerstört.
Unvergessen bleibt mir der Brand des Bucher Wasserturms. Nach einem schweren Tagesangriff schien die ganze Welt in ein unglaublich dichtes Grau gehüllt, das nur von einem Licht erhellt wurde, der brennenden Kuppel des Wasserturms. Die Hitze hob die Kuppel in die Höhe, ließ sie dort einen Augenblick schweben und dann wie eine Fackel zu Boden fallen…

Zeichnung: Anton Müller

Ausführlicher in unserer Printausgabe


Dieter EichDieter Eich ist nicht vergessen
Vor 20 Jahren wurde Dieter Eich ein Opfer von Bucher rechtsradikalen Mördern
Die Nacht vom 23. zum 24. Mai 2000 war die letzte von Dieter Eich, genannt »Beethoven«. Der 60-Jährige Mann, der zu dieser Zeit Sozialhilfe bezog und in der Wohnung einer Bekannten in der Walter-Friedrich-Straße 52 in Buch wohnte, starb eines gewaltsamen Todes. Was war geschehen? Vier junge Bucher Neonazis – René R., Andreas I., Thomas S., Matthias K. – waren unterwegs, um den Bezug einer neuen Wohnung zu feiern. Der Alkohol floss den ganzen Tag reichlich. Und am Abend machten sie weiter – Zeugen sprachen später davon, dass rechtsradikale Parolen zu hören waren, rechte Musik gespielt wurde.
Irgendwann kamen sie auf die Idee, einen »Assi aufklatschen« zu wollen. In der Wohnung über ihnen lebte Dieter Eich. Es war nicht lange her, dass seine Freundin, in dessen Wohnung er wohnte, verstorben war. Dieter Eich befand sich in einer Lebenskrise, in der Nachbarschaft galt er als »Alki«.
Man täte etwas fürs Volk, wenn man so einen aufklatschen würde, grölten die Neonazis. In Eichs Wohnung zu kommen, bereitete kein Problem, die Wohnungstür war schon länger defekt. Im Schlafzimmer fanden sie ihn und entfesselten eine Orgie der Gewalt…

Grafik: Niemand_ist_vergessen

Ausführlicher in unserer Printausgabe